Der Videobeweis und das Handspiel

Lange Zeit hat sich der Fußball vor den technischen Möglichkeiten, dass Spiel gerechter zu machen, gewehrt. Man würde damit die Seele des Fußballs riskieren. Die Stammtisch-Diskussionen über vermeintliche Fehlentscheidungen gehören einfach zum Fußball dazu. Vor gut drei Jahren wurde der Videobeweis zur Saison 2017/18 durch DFL in der 1. Bundesliga eingeführt.

Seitdem steht der Videobeweis fast nach jedem Spieltag im Kreuzfeuer der Diskussion. Nicht immer ist nachvollziehbar, warum der VAR eingegriffen oder eben nicht eingegriffen hat. Die schwammige Formulierung, dass der Videoschiedsrichter sich nur dann aus dem Kölner Keller melden darf, wenn eine eindeutige Fehlentscheidung vorliegt, lässt viel Raum für Interpretationen. Ziel hinter dieser Regelung ist es, den Einsatz der Technik auf ein Minimum zu reduzieren.

Das Problem dabei: Regeln sind immer auch irgendwo Auslegungssache und entscheidend ist eben auch die Wahrnehmung. Ein und derselbe Schiedsrichter könnte eine Szene, die er vor einer Woche noch gepfiffen hat, in der darauffolgenden Woche schon wieder anders bewerten. Einfach aus dem Grund, dass er die Szene anders wahrgenommen hat, als vor einer Woche. Selbiges gilt dann natürlich auch für den VAR. In Kombination mit der oben geschilderten Regelung begünstigt man damit inkonsistente Entscheidungen.

Die Folge: Für den Fußball-Fan ist das nicht nachvollziehbar

Auch das Thema Handspiel regt immer wieder Diskussionen an. Daher wurden zu Beginn der aktuellen Saison die Regeln umfassend modifiziert, um hier Klarheit zu schaffen. Schon jetzt kann man sagen, dass der Schuss wohl eher nach hinten losging.

Nun werfen wir einmal das Thema Handspiel und VAR in einen Topf und veranschaulichen das Dilemma anhand zwei vergleichbarer Szenen aus den Spielen Dortmund gegen Bayern und Paderborn gegen Dortmund.

Boateng bekommt den Ball an den Arm und blockt einen aussichtsreichen Torschuss

Es läuft die 58. Minute im Topspiel zwischen Dortmund und Bayern. Boateng, der kurz zuvor weggerutscht ist, bekommt den Ball an den vom Körper abgespreizten Ellenbogen. Der Schiedsrichter entscheidet auf Ecke.

Aus dem Spiel heraus, habe ich hier auch kein strafwürdiges Verhalten gesehen. Auch bei der ersten Wiederholung hatte ich noch den Eindruck, dass Boateng versucht, sich aus der Schussbahn zu bringen. Je häufiger man sich die Szene anschaut, umso mehr gewinnt man allerdings den Eindruck, dass die Aktion von Boateng bewusst in Richtung Ball geht.

Man darf hier schon hinterfragen, warum der VAR dem Schiedsrichter kein On-Field-Review empfohlen hat.

Can bekommt den Ball an den Arm und blockt einen aussichtsreichen Torschuss

Wenige Tage später in der 70. Minute im Spiel zwischen Paderborn und Dortmund: Emre Can bekommt den Ball aus nächster Nähe an den angelegten Arm. Der Schiedsrichter zögert hier keine Sekunde und pfeift Elfmeter. Auch hier darf man sich fragen, warum der VAR wieder kein On-Field-Review empfiehlt.

Man darf festhalten: Den Dortmundern wurde ein Elfmeter verweigert, der gemäß Regelauslegung mehr als vertretbar gewesen wäre. Im folgenden Spiel wurde ein Elfmeter gegen Dortmund gepfiffen, der gemäß Regelauslegung gar keiner war.

So gewinnt man keine breite Akzeptanz für den Videobeweis. Auf Twitter habe ich die Aussage aufgegriffen, dass die Diskussionen um die Szenen auch ohne den Videobeweis aufgetreten wären. Dabei ist das gar nicht der Punkt. Das Drama ist, dass es diese Diskussionen trotz Videobeweis gibt.

Ich bin persönlich ein Befürworter von technischen Hilfsmitteln. Ich finde die Idee eines VAR richtig. Die Umsetzung ist aber mangelhaft. Aktuell greift der Videoassistent nur ein, wenn der Schiedsrichter eine Szene entweder gar nicht gesehen oder grob falsch entschieden hat. Bei Platzverweisen und Elfmetern, die einen entscheidenden Einfluss auf den Spielverlauf haben können, sollte eigentlich grundsätzlich ein On-Field-Review durchgeführt werden. Der Schiedsrichter sollte sich, bevor er eine Entscheidung trifft, erst noch einmal die Bilder anschauen. Immer - und nicht nur dann, wenn der Assistent im Kölner Keller die Notwendigkeit sieht. Dann erübrigen sich auch die Diskussionen, warum der VAR mal eingreift und warum in vergleichbaren Szenen wieder nicht.

Dass das Handspiel von Boateng keinen Elfmeter zur Folge hatte, kann man halt niemanden verkaufen, wenn die Szene von Can mit einem Elfmeter geahndet wird.

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