chibi no Sekai
Warum Sachsen mich traurig macht - Der blaue Sumpf im Osten

Warum Sachsen mich traurig macht - Der blaue Sumpf im Osten

Vorläufige Wahlergebnisse der Landtagswahl Sachsen 2019. Quelle: ZDF.de

Es war der 9. Dezember 1989. Exakt 30 Tage nachdem Fall der Berliner erblickte ich im Kurort Halle an der Saale das Licht der Welt. Meine Kindheit sollte ich woanders erleben. Wie viele Ostdeutsche zu der Zeit zog es meine Eltern "in den Westen". 1991 verschlug es uns in das beschauliche Dormagen. Am Rhein zwischen Düsseldorf und Köln gelegen erlebte ich eine glückliche Kindheit.

Vielleicht liegt auch hier der Grund für meine Toleranz gegenüber zugewanderten Menschen. Für mich war es normal, dass wir nicht alle "Deutsch" sind. Für mich war es normal, dass es andere Kulturen gibt. Das Menschen verschiedener Nationalitäten in Deutschland leben. Weil es damals kein Ethikunterricht in der Grundschule gab, sondern nur Relgion, bin ich mit meinen muslimischen und christlich-orthodoxen Mitschülern früher nach Hause gegangen oder eben später zur Schule gekommen. Woher mein Spielpartner - oder besser gesagt die Eltern meiner Spielpartner kamen - war mir redlich egal. Als ob das auch einen Unterschied macht...

Aufgrund familiärer Gründe ging es 2000 zurück in den Osten - genauer gesagt nach Sachsen. Zunächst nach Schkeuditz zwischen Leipzig und Halle. Später haben wir es uns für einige Jahre in Leipzig gemütlich gemacht. Nachdem es mir anfangs schwer fiel, Fuß zu fassen, war ich am Ende doch recht traurig, als wir aus beruflichen Gründen weiter zogen. Leipzig ist für mich meine Heimat geworden - die ich ungern verlassen habe. Denn in Leipzig findet man vieles, was Deutschland historisch eigentlich aus macht. Deutschland war einst das Land der Dichter und Denker. Eine Stadt, die nach der Wende den Aufschwung geschafft hat. Wie auch Dresden. Eben auch, weil die Menschen mit angepackt haben. Wie sähe die Dresdner Frauenkirche heute ohne die Spenden aus aller Welt aus?

Die Städte im Osten florieren - wenn sie denn wollen. Wenn die Menschen darin denn wollen. Von nichts kommt nichts. Und genau hier liegt meiner Ansicht das Problem. Viele Ostdeutsche setzen sich in ihr Kaff irgendwo im Nirgendwo und bejammern sich selber. Das sich seit der Wende nichts getan hat und das alles doch viel schlimmer geworden ist. Früher hatte man noch einen Metzger im Dorf - nun ist er fort. Einen Konsum-Markt gibt es auch nicht mehr und auch der letzte Bäcker hat das Dorf längst verlassen. Wenn er seine Augen mal aufmachen würde, würde er merken, dass dies kein exklusiv ostdeutsches Problem ist. Immerhin muss der Bäcker und der Metzger ja auch irgendwie überleben. Wenn das Geschäft aber nicht genug abwirft, subventioniert hier eben nicht mehr der Staat. Willkommen in der Marktwirtschaft. Auf Wiedersehen Kommunismus.

Doch besonders der Ossi macht es sich leicht. Andere sind Schuld an der eigenen Misere. Anstatt gemeinschaftlich etwas zu bewirken, beweint man sich gemeinschaftlich und zeigt mit dem großen Finger auf die Politik. Das ist nebenher gesagt auch keine Exklusivität der Ostdeutschen. Im Westen kann man das auch ganz. Das wir über Dieselfahrverbote in vielen großen Städten reden ist ja auch die Schuld der Politik und Industrie. Selbst denken und selbst handeln wäre zu einfach. Sobald es an die eigene Bequemlichkeit geht, ist schnell Schluss mit Natur- und Umweltschutz. Das ist aber ein anderes Thema...

Der Ostdeutsche macht aber genau das, was man nicht machen sollte: Er wählt aus Protest eine Partei, die inzwischen eigentlich nur noch fürs ein steht: Ausländerfeindlichkeit. Das große Thema der in Blau getarnten braunen Suppe ist die Flüchtlingspolitik. Stimmenfang mit der Angst vor Ausländern. Andere Inhalte? Sucht man vergeblich. Und wenn man dann doch welche findet, würde selbst der konservativste Christ schreiend wegrennen. Mittelalter will man im 21. Jahrhundert doch eher nicht, oder?

Es spricht absolut nichts, den großen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Die Parteienlandschaft bringt aber wesentlich mehr Alternativen, als eine rechtsextreme Partei. Die nebenher gesagt in vielen Punkten gar nicht so gut bürgerlich ist, wie sie letztlich tut. Aber welcher AfD-Wähler liest schon das Parteiprogramm.

Ergebnisse in den sächsischen Wahlkreisen, umso kräftiger die Farbe, umso stärker war die entsprechende Partei. Schwarz steht für die CDU, Blau für die AfD

27,5% sind es also geworden. Wer genauer analysiert erkennt schnell ein Muster: In den Städten beziehungsweise in den Ballungsräumen wählt man tendenziell weniger AfD, wobei auch hier gut mindestens jeder Fünfte sich für die AfD entscheidet. Sachsen ist seit der Wende in der Hand der CDU. Die Grünen sind aber, wie zuletzt auch bei der Europawahl im ganzen Bundesgebiet, in den Städten dicht dran. Umso ländlicher und abgeschiedener es wird, umso brauner wird die Karte. Die Vergessenen wählen Protest und wissen nicht einmal was sie wählen. Und das macht mich ehrlich gesagt traurig.

Autor

chibi`

Fan japanischer Zeichentrickkunst, Liebhaber japanischer Pop- und Rockmusik, Schwarz-Gelbes Borussen-Herz und Nerd aus Überzeugung.

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